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Konzeptentwurf eines Genbank-Netzwerkes für die Rosen
Arboreten, Botanische Gärten und Genbanken werden als ex-situ-Sammlungen bezeichnet, da sie ihre Kollektionen außerhalb der natürlichen (in situ) oder kulturbedingten (in horto, on farm) Lebensräume und Standorte der Pflanzen nach wissenschaftlichen Kriterien aufbauen und erhalten. Sie organisieren einen Samen- und Pflanzentausch, dokumentieren ihre Sortimente und haben Referenzmuster (z.B. Vergleichssammlungen, Herbarien).1 Eine integrierte Genbank2 beinhaltet zusätzlich die Aspekte der in-situ-Erhaltung, des Schutzes, der Nutzung und eines Monitorings pflanzengenetischer Ressourcen im Lande und in Kooperation mit anderen Genbanken auch darüber hinaus. Gemäß den Zielen des vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) geförderten Modellvorhabens „Beispielhafte Erfassung und Charakterisierung der genetischen Ressourcen von Zierpflanzen anhand der Rose – Errichtung eines Genbanknetzes für die Rose“ ist das dezentrale Genbank-Netzwerk Rose als integrierte Genbank mit einer Forschungs- und Koordinierungsstelle in Sangerhausen als Zentrale und einer wachsenden Zahl externer Standorte (potentiell alle Rosengärten und privaten Sammler) sowie einer noch zu gründenden Bundesarbeitsgruppe Rhodologie im Naturschutzbund Deutschland angelegt3.
Genbanken (Kulturpflanzenbanken) sind natur- und gesellschaftskundliche Einrichtungen, die die Vielfalt von Kultur- und verwandte Wildpflanzenarten sammeln, erhalten, untersuchen und z.B. für die Diversitätsforschung, für Züchtungsvorhaben sowie für Schutz und Wiedereinbürgerungen bereitstellen. Sie sind ebenso Einrichtungen für Bildung, Kultur und Erholung.4 Genbanken unterscheiden sich von Botanischen Gärten durch ihren Sammlungs- und Erhaltungsschwerpunkt, nämlich die vom Menschen züchterisch bearbeiteten Pflanzen. Der älteste Botanische Garten in Deutschland wurde 1542 als hortus medicus in Leipzig gegründet. Das älteste Arboretum der Welt ist der heutige Forstbotanische Garten Dresden-Tharandt. Er geht auf das Jahr 1811 zurück. Im Vergleich dazu sind Genbanken und andere Spezialsammlungen viel jünger: 1903 wurde das heute als Einrichtung der Stadt geführte Europa-Rosarium Sangerhausen vom Verein Deutscher Rosenfreunde e.V. zusammen mit der Stadt Sangerhausen eröffnet. Die Genbank Obst (in Dresden-Pillnitz) der Bundesanstalt für Züchtungsforschung (BAZ) wurde 1922 gegründet. 1926 folgte die Vitis-Genbank des BAZ-Instituts für Rebenzüchtung Geilweilerhof. Seit 1943 besteht in Gatersleben die größte deutsche Genbank für landwirtschaftliche und gärtnerische Kulturpflanzen, die zum Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) gehört. Meist sind diese Sammlungen zentral organisiert. Nur wenige haben Außenstellen. Das Europa-Rosarium ist die einzige keiner größeren Forschungsinstitution angeschlossene Einrichtung. Es wird seit seiner Gründung bis auf den kurzen Zeitraum von 1939-1942 ohne wissenschaftliche Betreuung der Sammlung geführt.
Für die Zierpflanzen gibt es generell noch keine Strukturen zur Erfassung und langfristigen Erhaltung. Mit der Unterzeichnung des Übereinkommens über die Biologische Vielfalt hat sich Deutschland aber dazu verpflichtet, die erforderlichen Grundlagen zu schaffen.5,6 In dem vom BMELV in den Jahren 2004 – 2007 geförderten Modellvorhabens sind die fachlichen und inhaltlichen Voraussetzungen für die Gründung einer dezentralen Genbank für Rosen als Teil einer dezentralen Zierpflanzengenbank geschaffen worden. Bisher ist ein solches dezentrales, integriertes, d.h. alle Aspekte der Kulturpflanzenforschung und Erhaltung der Biodiversität berücksichtigendes, Genbank-Netzwerk nirgendwo auf der Welt realisiert.
Zusammenfassend verfügt das Europa-Rosarium im Ergebnis des BMELV-Modellvorhabens jetzt über ein Mandat der Stadt Sangerhausen, mit der Einführung der Arbeitsweise einer Genbank ist begonnen worden, Standards für die Sortimentserhaltung, für Charakterisierung, Evaluierung und Dokumentation wurden entwickelt und eingeführt, Referenzsysteme aufgebaut. Gleichzeitig konnten bereits wichtige Teilsortimente anhand der im Projekt entwickelten Vorgaben charakterisiert werden. Die jahrgangsweise Digitalisierung der Boniturwerte ist für das erste Projektjahr (2005) abgeschlossen und für 2006 in Arbeit. Die Dokumentation der Sammlung wurde wesentlich verbessert und die Datenbank um Netzwerkfunktionen wie die Aufnahme andernorts erhobener Merkmale sowie Im- und Exportmöglichkeiten erweitert.
Zwischen einigen Netzwerkpartnern sind die ersten bilateralen Kooperationsvereinbarungen geschlossen worden. Sie leiten eine künftige Spezialisierung der Rosengärten ein, dienen zur Sicherung von Duplikaten aus dem Europa-Rosarium und werden als Grundlage für eine bundesweite Inventarisierung der vorhandenen Arten- und Sortenvielfalt fungieren. Bei mehreren Klassen hat sich als erforderlich erwiesen, unabhängig von den vergebenen Sortennamen über mehrere Jahre laufende Vergleichsanbauten anzulegen und zur vergleichenden Bonitur der Rosen möglichst wurzelechte Pflanzen zu verwenden. Die Informationen über die sich beteiligenden Sammlungen werden in Sangerhausen zusammengeführt, wo auch Referenzsysteme entwickelt und gepflegt werden (u.a. Bilddokumentation, Charakterisierungs- und Evaluierungsdaten, Herbar7, Literatur). Die gegenwärtig in Sangerhausen praktizierte Technik der Sortimentserhaltung ist publiziert.8
Externe Forschungsinstitute haben Aufträge zur Evaluierung der Sammlung bearbeitet. Die Auswertung und Publikation der Ergebnisse steht noch aus. Im Unterschied zu anderen Genbanken bleibt das Genbank-Netzwerk Rose für ein möglichst breites Nutzerspektrum offen und wird auch für Besucher attraktiv gestaltet. Fortbildungsveranstaltungen für die Netzwerkpartner sollen aus den bereits existierenden Rosenschulen entwickelt werden, um ein bundesweit einheitliches Vorgehen bei den Erhaltungsarbeiten wie auch bei der Charakterisierung und Evaluierung zu gewährleisten.
Netzwerk
Anlage 15 des Abschlußberichtes zum vom BMVEL geförderten Witzenhäuser F/E-Projekt „Erfassung, Dokumentation und Bewertung genetischer Ressourcen von Zierpflanzen zum Aufbau eines dezentralen Genbank-Netzwerkes“ BLE-FKZ 01HS021 ist folgende Definition eines Netzwerkes entnommen:
„In einer gemeinsamen Organisation sind in freiwilliger Weise Personen und Körperschaften zusammengeschlossen, die die Biodiversität von Zierpflanzen in Deutschland (bzw. im deutschsprachigen Raum) nachhaltig schützen und entwickeln wollen und über Sammlungen von Zierpflanzen (in Ausnahmefällen auch über Einzelexemplare von Zierpflanzen) verfügen. Die Gesamtheit aller Sammlungen inkl. der administrativen Einrichtungen wird als dezentrales Netzwerk bezeichnet.“
Bei der praktischen Arbeit hat sich herausgestellt, daß das Genbank-Netzwerk Rose nur als freiwilliger Zusammenschluß von Personen und Organisationen funktionieren wird, die Rosen-Diversität erhalten, nutzen und schützen. Sie verfügen über eigene Kollektionen oder ggf. auch Einzelpflanzen. Sie erhalten ihre Sammlungen und geben Muster mit allen zugehörigen Informationen und einer geeigneten Dokumentation weiter (Referenzsammlungen, Fotos etc.). Die Spezialisierung und Sicherung von Duplikaten der Sammlungen aller Netzwerkpartner wird über jederzeit aktualisierbare bilaterale Kooperationsvereinbarungen mit dem Europa-Rosarium Sangerhausen als Koordinierungsstelle geregelt (Muster dieser Vereinbarungen stehen auf den Internetseiten des Europa-Rosariums). Hierarchieebenen existieren innerhalb des Netzwerkes nicht. Der Verwaltungsaufwand wird bewußt minimiert. Netzwerktreffen oder Treffen von Teilnetzwerken finden bei Bedarf statt. Die Netzwerk-Partner unterstützen sich gegenseitig bei der Suche nach seltenen Mustern, bei der Erstellung einheitlicher Dokumentations- und Charakterisierungsvorlagen, sie helfen einander bei der Bestimmung unbekannter Taxa und bei der Beantragung von Fördermitteln. In der Öffentlichkeit treten sie u.a. im Internet als Netzwerk in Erscheinung und publizieren die Ergebnisse ihrer Arbeit.
SGH, den 23.08.2007
Dr. Thomas Gladis
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1 RAUER, G., M. VON DEN DRIESCH, P.L. IBISCH, W. LOBIN und W. BARTHLOTT, 2000: Beitrag der deutschen Botanischen Gärten zur Erhaltung der Biologischen Vielfalt und Genetischer Ressourcen – Bestandsaufnahme und Entwicklungskonzept. Bundesamt für Naturschutz 2000, 246 pp.
2 HAMMER, K. (2003):A paradigm shift in the discipline of plant genetic resources. Genetic Res. Crop Evol. 50, 3-10.
3 In die Struktur des Genbank-Netzwerkes sind künftig möglichst alle deutschen Rosensammlungen einzubeziehen: staatliche, von Vereinen oder einzelnen Personen getragene bis hin zu Botanischen Gärten und öffentlichen Parkanlagen; Rosenzüchter, Rosenfreunde, Museen und private Sammler ebenso wie floristische Arbeitskreise, die Bestände von Wildrosen erfassen.
4 In Anlehnung an GÄDE, H.H., 1998: Die Kulturpflanzenbank Gatersleben. Ruth Gerig Verlag, 365 S. + Anh.; KNÜPFFER, H. (1983): Computer in Genbanken. Kulturpflanze 31, 77-143; POLEY, D. (2005): Der Zoo und seine Aufgaben – Wertmaßstäbe im Wandel der Zeit und des Zeitgeistes. Milu 11,4, 349-371.
5 BMVEL (2002): Nationales Fachprogramm zur Erhaltung und nachhaltigen Nutzung pflanzengenetischer Ressourcen landwirtschaftlicher und gartenbaulicher Kulturpflanzen. 56 S.
6 BEGEMANN, F., Th. GLADIS, P. MENZEL und G. HARRING (2001): Erhaltung und nachhaltige Nutzung genetischer Ressourcen der Zierpflanzen. Schriften zu genetischen Ressourcen 15, 87 S.
7 Zur Teilnahme am internationalen Leihverkehr der Herbarien werden Duplikate aller Belege als Schenkung im Herbarium Gatersleben (GAT) des Instituts für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung Gatersleben (IPK) hinterlegt. Bis die räumlichen Voraussetzungen in Sangerhausen geschaffen worden sind, lagern dort alle im Modellvorhaben angelegten, die per Schenkung übergebenen und die angekauften Herbarbelege.
8 GLADIS, Th. und H. BRUMME (2006): Sammlungsstruktur und Erhaltungsstrategien bei der Gattung Rosa L. im Europa-Rosarium Sangerhausen. Vortr. Pflanzenzüchtg. 70, 27-38.
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