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Eine Rose ist eine Rose sind zwei Rosen – oder auch mehr?
von Thomas Gladis

Wie immer man den berühmten Satz "Rose is a rose is a rose is a rose." von Gertrude Stein (1913) interpretiert, in der praktischen Beschäftigung mit der Rosenvielfalt bringt dieser Lithismus das als Titel dieses Beitrages gewählte Oxymoron hervor, um bei den Stilmitteln der Rhetorik zu bleiben. Angedeutet wurden die mit der Arbeit in einem sich gründenden Genbank-Netzwerk verbundenen fachlichen und organisatorischen Probleme ja schon im Rosenjahrbuch 2006 – und desgleichen mögliche Lösungswege.

Im letzten Jahr der Projektlaufzeit (November 2004 – September 2007) des vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz über die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) geförderten Modellvorhabens „Beispielhafte Erfassung und Charakterisierung der genetischen Ressourcen von Zierpflanzen anhand der Rose – Errichtung eines Genbanknetzes für die Rose“ fand in Sangerhausen das erste Netzwerktreffen in einer sehr konstruktiven Arbeitsatmosphäre statt. Nach der Begrüßung durch den Oberbürgermeister der Stadt Sangerhausen, Herrn F.-D. Kupfernagel, verlas der Leiter des Europa-Rosariums, Herr Th. Hawel, das von Herrn J. Raff, dem Ehrenpräsidenten der Gesellschaft Deutscher Rosenfreunde und Vorsitzenden des Stiftungsvorstandes verfaßte Grußwort. In einem Einführungsvortrag wurde über den Stand der Projektarbeiten informiert. Anschließend formulierten die knapp 30 an der Mitwirkung interessierten Teilnehmer ihre Erwartungen an das Netzwerk und erläuterten ihre Möglichkeiten, sich einzubringen. Auch konkrete Wünsche und Erwartungen an das Netzwerk wurden geäußert:
  • Unterstützung bei der Bestimmung von Arten und Sorten
  • Entwicklung von Kriterien für die Sichtung und Erhaltung von Rosensorten in den Sammlungen (vgl. die im Workshop April 2006 formulierten Kriterien siehe [1] )
  • Meldung von Unikaten
  • Unterstützung bei der Erhaltungsarbeit
  • Sicherung der Rosen-Vielfalt als Genressource für die Züchtung

Die Vielzahl konkreter Angebote, guter Ideen und auch die zahlreichen offenen fachlichen Fragen, das rege Interesse aller Beteiligten und ihre Bereitschaft zur aktiven Mitwirkung beim zunächst modellartigen Aufbau der dezentralen Genbank zeigten den Bedarf für eine netzartig strukturierte Rosen-Genbank und belegen, daß der eingeschlagene Weg richtig ist.
Ein rein virtuelles Netzwerk ohne verbindliche Aussagen zu Erhaltungsstrukturen und zu der damit verbundenen Verantwortung für bestimmte Sortimentsteile wird von der BLE und von den Vertretern einiger Rosengärten für unzureichend erachtet. Eine langfristige und nachhaltige Arbeit kann nur geleistet werden, wenn Absprachen verbindlich sind. Daraus wurde geschlußfolgert, daß eine formale Gründung einem zweiten Schritt vorbehalten bleiben muß. Im Ergebnis des Treffens wurde als erster Schritt eine Resolution mit Willensbekundung zur formalen Gründung des Netzwerkes beschlossen. Sie baut auf die Ergebnisse des ersten Symposiums zur Erhaltung und nachhaltigen Nutzung genetischer Ressourcen von Zierpflanzen auf (BEGEMANN et al. 2001, siehe [2] und siehe Resolution ). Die Gründung selbst soll an eine klare Zieldefinition und Konzeption gekoppelt werden.
Erfreulich ist, daß Frau Gerhild Schulz als vormalige Projekt-Assistentin die Netzwerk-Koordination im unmittelbaren Anschluß an den Förderzeitraum qualifiziert fortsetzen wird. Jetzt muß zügig geklärt werden, wie die in dem Modellvorhaben begonnene eigentliche Genbank-Arbeit fachlich und inhaltlich fortgeführt werden kann und wie die erzielten Ergebnisse genutzt werden sollen. Die Aufrechterhaltung des Betriebs einer dezentralen, integrierten Genbank für Rosen kann jedenfalls von keiner Rosensammlung und auch vom Netzwerk nicht aus eigener Kraft geleistet und finanziert werden. Anträge zur Finanzierung konkreter Maßnahmen werden gerade ausgearbeitet oder sind bereits gestellt. Die BLE wurde im November 2006 gebeten, bei der Erarbeitung eines Finanzkonzeptes unterstützend tätig zu werden und neben der Vernetzung in Deutschland eine Abstimmung der Vorgehensweise zur Erhaltung und nachhaltigen Nutzung der genetischen Ressourcen der Rosen in Europa zu initiieren.
Mehrere Teilnehmer an dem Netzwerktreffen arbeiten mit dem Europa-Rosarium auf der Basis zwischenzeitlich geschlossener Kooperationsvereinbarungen partnerschaftlich zusammen und bestätigen dadurch in der Praxis, daß die funktionalen Voraussetzungen für die Gründung des Genbank-Netzwerkes im Modellvorhaben geschaffen worden sind. Einige bilaterale Kooperationsvereinbarungen sind im Internet einsehbar und können als Muster für Rosengärten und Rosensammler dienen, die sich ebenfalls für konkrete Aufgaben bei der Mitwirkung im Netzwerk interessierensiehe [3]. Die Weichen für eine künftige Spezialisierung der beteiligten Rosengärten sind also gestellt: regionale Sortensammlungen (z.B. Martensen 2001) und die Erhaltung möglichst aller Sorten einer oder gar mehrerer Klassen (z.B. „Das Rosennetzwerk“ [4] sind zwei von mehreren Möglichkeiten, sich zu engagieren. Mit der Sicherung von Duplikaten aus dem Europa-Rosarium wurde begonnen, viele bisher unbestimmte Fundrosen sind Sangerhausen als Reiser oder Pflanzen übergeben worden, und auch die ersten dezentralen Vergleichsanbauten können bereits besichtigt werden, so z.B. bei Frau K. Schade in Reinhausen bei Göttingen der Alba-Rosen. Für all diese freiwilligen Vorleistungen der beteiligten Gärten und der besonders engagierten, fachlich-inhaltlich interessierten Rosensammler gibt es bislang keinerlei finanzielle Unterstützung und somit fehlt eine ganz wesentliche Grundvoraussetzung für die formale Gründung und dauerhafte Etablierung der Genbank.
Einige der hier vorgestellten Arbeitsschritte und Vorhaben mögen den Lesern unklar sein. Sie klingen sehr theoretisch und liegen scheinbar fernab jeder gartenpraktischen Arbeit mit den Rosen. Wer jemals eine wertvolle Rose verloren hat weiß, daß zur Sicherheit mehr als eine Pflanze pro Sorte oder Herkunft erhalten werden muß. Jede Rose hat einen akzeptierten wissenschaftlichen bzw. einen Sortennamen. Es gibt detaillierte Beschreibungen und gute Fotos. Neuerdings hat Sangerhausen auch noch ein Rosen-Herbar, und es liegen erste Ergebnisse der molekularen Untersuchungen vor. Vergleichsanbauten sind dennoch erforderlich. Keine noch so detaillierte verbale Beschreibung und keine andere Form der Dokumenation kann den unmittelbaren Vergleich lebender Objekte ersetzen. Widersprüchliche Angaben zu Wild- und zu Kulturrosen fehlen weder in der alten noch in der neueren Literatur. Wieviel Verwirrung können unterschiedlich gebrauchte Synonyme stiften! Ein- und dieselbe Rose kann sowohl in verschiedenen Jahren als auch an unterschiedlichen Standorten anders aussehen oder sich abweichend verhalten. Auf eigener Wurzel stehend wächst sie vielleicht weniger stark als auf einer Unterlage – oder auch deutlich stärker. Boden, Standort- und Klimafaktoren tun ein übriges. Nicht wenige Rosenliebhaber beobachten und beschreiben sogenannte Sports. Das sind abweichende Triebe, die plötzlich erscheinen und die auch nach der Okulation stabil bleiben. Sie werden oft als Mutanten gedeutet und können als eigenständige Sorten gelten, obwohl sie ab und an auch wieder in die jeweilige Ausgangssorte zurückschlagen. Noch andere, darunter auch sehr alte Sorten, sind Chimären: genetisch unterschiedliche Lagen von Zellen mischen und entmischen sich immer wieder und können an einem Trieb unterschiedliche Blüten erscheinen lassen. Ein Beispiel hierfür ist die Rosa laxa Retz. var. plena hort. am „Drehkreuz“ (Standort im ERS: H-150/1:13). Der Strauch schmückt sich alljährlich mit einfachen weißen Blüten, aus denen Büschel unregelmäßig geformter Früchte hervorgehen, und er trägt am selben Holz gleichzeitig blaß rosafarbene, halb gefüllte Blüten, die keine Früchte ergeben: sehr bald nach der Blüte verdorren die Kelche. Dies ist durchaus kein Einzelfall, und niemand vermag derzeit zu sagen, wie viele weniger augenfällige Chimären in den Rosensammlungen tatsächlich existieren, nur nicht als solche erkannt werden. Anhand der Wichurana-Hybride ’Fernande Krier’ lassen sich gleich mehrere offene Fragen illustrieren (Abb. 3). In Genbanken werden wissenschaftliche Vergleichsanbauten durchgeführt, um Umwelteinflüsse weitestgehend auszuschließen und um morphologisch ähnliche Pflanzen anhand möglichst vieler objektiver Kriterien an einem oder besser sogar an mehrerern Standorten über mehrere Jahre hinweg beschreiben zu können. Fragen zur Umwelteinwirkung auf Sortenmerkmale und somit auch Streitigkeiten über die Sortenechtheit lassen sich aufgrund solcher Beobachtungen klären, wenn sie systematisch angestellt werden.
Abweichungen innerhalb einer Sorte oder Herkunft verunsichern nicht wenige Rosenfreunde. Selten sind die Ursachen dafür so offensichtlich wie z.B. in dem einem Busch von Rosa serafinii Viv. und um ihn herum (Standort im ERS: D-69:3). In jedem Frühjahr kann man beobachten, wie zahllose Sämlinge auflaufen und von Bodenmüdigkeit nichts ahnend inmitten der Mutterpflanze munter weiterwachsen. Von den Gärtnern weggehackt oder ausgerissen werden meist nur die äußeren. Wer also vermag mit Sicherheit zu sagen, aus wievielen Einzelpflanzen dieser „eine“, aufgrund von Einkreuzungen vielleicht sogar genetisch unterschiedlich konstitutuierte Busch in Sangerhausen gegenwärtig tatsächlich besteht? (Abb. 4)
Ein viel älteres Beispiel ist der berühmte „tausendjährige Rosenstock von Hildesheim“ (Abb. 5). Ein historischer Herbarbeleg dieser Pflanze scheint leider nicht zu existieren. Anfragen bei mehreren Herbarien verliefen jedenfalls ergebnislos. In der Literatur und auch im Internet sind mehrere wissenschaftliche Namen für den Rosenstock zu finden (Seeland 1956, siehe [5]). Einigkeit besteht wohl hinsichtlich der Zugehörigkeit zur formenreichen Art der Hundsrose, Rosa canina L. s.l., doch gestritten wird zum Beispiel über die Behaarung der Blattunterseite: einige Botaniker haben sie gesehen, andere können sie beim besten Willen nicht finden. Letztere haben sich durchgesetzt, doch nach der Zähnelung der Blätter wird der Hildesheimer Rosenstock bald der var. lutetiana (Lém. ex Cass.) Baker (bei Keller, 1931: Blättchen meist einfach gezähnt, kahl), bald der var. dumalis Baker (doppelt bis mehrfach gesägt, kahl) zugeschlagen. Bereits Seeland (1956) verwies auf die Veränderungen der Hildesheimer Rose seit H. Christ sie bestimmte. Interessanterweise wurde prominenten Besuchern des Hildesheimer Doms und Bittstellern aus dem In- und Ausland bis ins 20. Jahrhundert hinein gern „zur Erinnerung ein Zweiglein des tausendjährigen Rosenstocks“ überreicht. Erstmals beurkundet ist die Übergabe für den Mai des Jahres 1821. Bewurzelungs- und Veredlungstechniken sind jedoch sehr viel älter und es gilt als sicher, daß nicht wenige dieser Gaben an mehreren Orten der Welt Wurzeln schlugen und bis heute fortleben. Nur über ein Bruchteil davon ist etwas bekannt. Sangerhausen erhielt im Jahre 1931 zwei Ableger. Diese und weitere Abkömmlinge leben hier noch heute. Wegen der auffallend runden Hagebutten (Abb. 6) wurden die beiden Pflanzen von dem aus Nordhausen stammenden Botaniker und Kulturpflanzenforscher Kurt Wein Anfang der 1950er Jahre als var. globularis (Franch.) Dum. (nach Keller mit unregelmäßiger Blattzähnelung, kahl) bestimmt (Standort im ERS: L-IV/1:43). Die morphologischen Unterschiede zwischen diesen beiden und der nach 1970 im Deutschen Rosarium Dortmund gepflanzten Rose gleichen Namens, die dort wieder als var. lutetiana (Lém. ex Cass.) Baker steht, fielen bei einer Bestimmung der Dortmunder Wildrosen im Rahmen des Modellvorhabens sofort ins Auge – Anlaß genug, sich beide Pflanzen und noch eine weitere der Firma Rosen-Jensen (die sie nach eigener Aussage bisher rund 250 mal verkaufte) nach Sangerhausen zu holen und sie für genauere Untersuchungen nebeneinanderzustellen. An diesem Vergleichsanbau nur einer einzigen Rose soll natürlich vor allem die Domstadt Hildesheim teilhaben. Daher werden dort, voraussichtlich an einer Mauer des Magdalenengartens und somit in unmittelbarer Nähe zum berühmten Original in Kürze zunächst drei, in absehbarer Zeit vielleicht auch mehr Abkömmlinge des tausendjährigen Rosenstockes stehen, die über unterschiedliche Wege an den Ursprung ihrer Entstehung zurückkehren und nun miteinander verglichen werden können.
Es gibt nur sehr wenige so gut dokumentierte, rein vegetativ vermehrte Pflanzen in Deutschland, die ein vergleichbar hohes Alter erreicht haben und die so großes öffentliches Interesse finden: Einige sind morphologisch und genetisch heterogen, wie die ’Borsdorfer’ Äpfel, die teils veredelt, teils als Sämlinge in wenigen Exemplaren die Franzosenkriege überstanden haben. Andere sind morphologisch kaum, wohl aber genetisch auseinanderzuhalten wie die seit dem frühen Mittelalter bekannten, selten in der Eifel, sonst fast nur noch in Belgien und in den Niederlanden gepflanzten „Tausendkopfkohle“. Bis heute als einziger vermutlich nicht abändernder Klon blieb der Esch- oder Aschlauch erhalten, der auch als Johannislauch oder Jakobszwiebel bekannt ist und seit der Zeit der Kreuzzüge in Deutschland und in anderen Teilnehmerländern ausschließlich vegetativ vermehrt und kultiviert wird siehe [6]. Der tausendjährige Rosenstock ist in diesem Kreise die einzige Wildpflanze.
Wir danken Herrn Weihbischof Koitz für die Erlaubnis dazu und Herrn Diözesenkonservator Prof. K.B. Kruse, daß er uns für einige Untersuchungen Blattproben des originalen Hildesheimer Rosenstockes zusandte (Abb. 7). Die anderen beiden Herkünfte befinden sich noch immer in der Vermehrung, da die einjährigen Triebe wegen starker Frühjahrsstürme im ersten Jahr nach der Veredlung ausgebrochen sind. Alle drei Pflanzen werden von Sangerhausen nach Hildesheim überführt, sobald dies möglich ist.

Abschließend allen Rosengärten und allen Rosenfreunden herzlichen Dank, die sich aktiv an dem Modellvorhaben beteiligt und ihre Sammlungen eingebracht, die vor allem den Aufbau des Genbank-Netzwerkes durch ihr Engagement entscheidend vorangebracht haben.


Literatur
Begemann, F., Th. Gladis, P. Menzel und G. Harring (Hrsg., 2001):
Erhaltung und nachhaltige Nutzung genetischer Ressourcen der Zierpflanzen. Schriften zu genetischen Ressourcen 15, 87pp. siehe [2]
Keller, R. (1931):
Übersicht über die mitteleuropäischen Wildrosen mit besonderer Berücksichtigung ihrer schweizerischen Fundorte. Denkschr. Schweizer. Naturforsch. Ges. 65, 796 S.
Martensen, A. (2001):
Historische Rosen aus der Landschaft Angeln. Eigenverlag, Teil 1: 57 S., Teil 2: 51 S.
Seeland, H. (1956):
Der tausendjährige Rosenstock am Dom zu Hildesheim, August Lax Verlag, 2. Aufl., Rosenjahrbuch 3-69.