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Die Emergenzen der Rose
– aus der Nähe betrachtet
von Thomas Gladis, Ellahe Irandust und Gerhild Schulz

Rosen sind wehrhafte Sträucher, sie können stechen. Aber womit tun sie das? Im Gegensatz zur Auffassung des Geheimen Rates von Goethe und der damaligen Fachwelt sprechen wir bei den Rosen längst nicht mehr von Dornen (zugespitzten Kurztrieben) sondern von Stacheln (Auswüchsen der Haut, vgl. u.a. Hetschold 1886). An ihrer Bildung ist neben der äußeren, einlagigen Zellschicht (Epidermis) auch die unmittelbar darunter liegende Schicht beteiligt, die Hypodermis (Henker 2003). Somit gehören die Stacheln genau genommen zu den Emergenzen (von emergere [lat.] auftachen; hervorkommen). Sie lassen sich ohne Verletzung tiefer liegender Gewebeschichten von der Rose ablösen, da sich zwischen den Stacheln und der primären Rinde frühzeitig ein Korkgewebe ausbildet, das als Soll-Bruchstelle fungiert.

Im BMELV-Modellvorhaben¹ werden die Wild- und die Kulturrosen zum großen Teil durch die Beschreibung morphologischer Merkmale charakterisiert. Dazu gehören auch Größe, Gestalt und Verteilung der Stacheln. Zwischen Haaren, Borsten, Stacheln und den ihrerseits sehr variablen Drüsen gibt es fließende Übergänge, beispielsweise in Drüsen mündende Stacheln. Ausgesprochen selten sind zusammengesetzte Ausprägungen beschrieben worden, z.B. verzweigte, stark duftende Drüsenborsten auf Hagebutten (Wissemann 2003). Bei handelsüblichen Gartenrosen treten gelegentlich zwei- oder mehrspitzige „Doppelstacheln“ auf, die dann an dem betreffenden Trieb in bestimmten Abständen wiederholt erscheinen können. An Zentifolien findet man häufig zusammengesetzte bzw. verzweigte Stacheln. Bei den Moosrosen sind sie zusätzlich bedrüst und bilden Übergänge zum Rosen-„Moos“. Gehäuft treten diese verzweigten und bedrüsten Stacheln an den Enden der Triebe auf, etwa bei der Sorte ’Waltraud Nielsen’. Hier bedecken sie die Sproßoberfläche nahezu vollständig.

Die einmal blühenden Kulturrosen werden nach der Blüte geschnitten. Hagebutten kann man an diesen Sträuchern daher nur selten beobachten. Um gemäß den Zielen des Modellvorhabens auch die Fruchtbarkeit bonitieren zu können, sind die Gärtner des Europa-Rosariums unserer Bitte nachgekommen und haben bei allen Rosen mindestens einen abgeblühten Trieb belassen. Einige Pflanzen setzten daraufhin Früchte an. Unter dem Mikroskop ist eine Vielzahl interessanter Strukturen auf den Oberflächen und im Inneren der Hagebutten zu erkennen: Einige sind borstig bestachelt oder mit teils verzweigten, mitunter wohl auch verschieden alten Drüsen besetzt, die vielleicht sogar unterschiedliche Stoffe enthalten. Wieder andere zeigen Übergänge und Kombinationen dieser Merkmale.

An den beschriebenen Oberflächenstrukturen der Sprosse und der Butten sind im Sommer zahllose kleine Insekten haften gebliebenen, überwiegend Blattläuse und Thripse. Größere Tiere werden vermeiden, an den klebrigen Pflanzen zu knabbern oder zu klettern. Schildläuse treten an ihnen kaum in Erscheinung. Ist dies der gesuchte Zusammenhang zwischen Struktur und Funktion? Vielleicht regen die Abbildungen ja den einen oder anderen Rosenfreund zu ähnlichen Beobachtungen in der eigenen Sammlung an.

¹„Beispielhafte Erfassung und Charakterisierung der genetischen Ressourcen von Zierpflanzen anhand der Rosen – Errichtung eines Genbanknetzwerkes für die Rose“, gefördert durch das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Bonn, die Stadt Sangerhausen und die VDR-Stiftung EUROPA-ROSARIUM SANGERHAUSEN der Gesellschaft Deutscher Rosenfreunde


   
teils mit Drüsen-Stacheln besetzter Sproßabschnitt von ´Nuits d’Young´

Drei "Doppelstacheln" der R.-rubiginosa-Hybride ´Edith Bellenden´, vorn zwei nur basal verwachsene Stacheln einer Kletterrose

   
verzweigte, bedrüste Stacheln der Moosrose ´Olavus´

alter, verzweigter und bedrüster Stachel der gleichen Sorte

   
Ende eines einjährigen Triebs der Moosrose ´Waltraud Nielsen´

Ausschnitt mit deutlich erkennbarer Ansatzstelle eines für Detailaufnahmen entfernten Stachels

   
der Sproßspitze entnommener, stark bedrüster und verzweigter Stachel

auffallende Bestachelung von ´Waltraud Nielsen´ aus der Nähe, mittlerer Sproßabschnitt

   
bedrüster und verzweigter Doppelstachel im Verband aus einem mittleren Sproßabschnitt

Einzelner Stachel mit Maßstab

   
älterer, verzweigter und bedrüster Stachel von ´Waltraud Nielsen´

ähnliche Bestachelung bei der Moosrose ´Mme. Platz´

   
Rosen-"Moos" an jungem Blatt der ´Catherine de Wurtemberg´

Moosrosen-Früchte, Oktober 2006

   
Schnitt durch eine Butte mit wenigen, gut ausgebildeten Nüßchen

stachelig bedrüste Hagebutte der Moosrose ´Célina´

 
einzelner bedrüster und verzweigter Stachel
Wir danken Frau Dr. B. Feuerhahn und Herrn Dr. M. Zander von der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät der Humboldt- Universität zu Berlin sehr herzlich für die technische Unterstützung bei den Aufnahmen.



Literatur
Henker, H. (2003, Bearb.): 25. Rosa. in: Weber, H.E. (Hrsg.): Gustav Hegi (Begr.):
Illustrierte Flora von Mitteleuropa. 2. Aufl., Band IV Teil 2 C Spermatophyta: Angiospermae: Dicotyledones 2 (4) Rosaceae (Rosengewächse). Parey Berlin, 108 S.

Hetschold, E. (1886): Womit ist die Rose bewaffnet? Rosenzeitung, 56-57.

Wissemann, V. (2003):
Vielfalt erkennen, schützen und nutzen. In: Rosenstadt Sangerhausen GmbH (Hrsg.): 100 Jahre Rosarium Sangerhausen. Jubiläumsband, 83-87.